Bad Tölz

Die Familie Mann verbrachte zahlreiche Sommer im bayerischen Oberland:

„Wenn ich an Kindheit denke, denke ich an Bad Tölz“ (Klaus Mann, Kind dieser Zeit)

Thomas Mann, geboren am 06. Juni 1875, ist zusammen mit seinen vier Geschwistern in Lübeck aufgewachsen. 1904 verlobte er sich mit Katia Pringsheim in München, welche er kurz darauf heiratete. Schon von 1903 existieren Aufzeichnungen Manns, dass ihm Bad Tölz sehr gefiel und er dort einen Freund besuchen wolle. 1905 wurde seine erste Tochter Erika geboren, 1906 folgte ihr Bruder Klaus. 1908 beschloss die inzwischen vierköpfige Familie ihren ersten Urlaub in Tölz zu verbringen: In der Villa Held in der Gaißacher Straße, die heute nicht mehr existiert.

Thomas Mann entschloss sich nach der gelungenen Sommerfrische im bayerischen Oberland ein Landhaus bauen zu lassen. Da der ortsansässige Architekt Gabriel von Seidl zu teuer für ihn war, beauftragte er 1908 dessen Neffen, Hugo Röckl, das Landhaus zu bauen, das von diesem Zeitpunkt an etliche Sommer von ihm und seiner Familie genutzt wurde. Liebevoll als „Herrensitzchen“ bezeichnet, entsprach es dem Repräsentationsbedürfnis eines erfolgreichen Schriftstellers. Für ihn war es ein Rückzugsort vom Stadtleben in München, ein Ort der Ruhe und des ungestörten Schreibens:
„Ich bin gewohnt, im Zimmer zu arbeiten. Offener Himmel, meine ich, zerstreut die Gedanken. Im Sommer brauche ich wenigstens die Decke einer Veranda, eines Gartenhauses über dem Kopf, ein Gehäuse, das, sozusagen, die Atmosphäre des Werkes schützt.“  Seine Frau Katia Mann und die vier Kinder Erika, Klaus, Gottfried (Golo) und Monika hatten sich während seiner Arbeitszeit oder bei Besuch im Haus ruhig zu verhalten. Wenn der Vater dann aber das Ruhegebot aufhob, erlebten die Kinder eine Kindheit, die sie später nur noch als „traumhaft“ und „idyllisch“ beschreiben. So spielten diese oft auf Wiesen und Hügeln in der Umgebung, dem zauberhaften Wald hinter dem Haus oder in den Winkeln und Nischen des Gartens. Im nahegelegenen Klammerweiher, damals noch ein Badesee, lernte unter anderem Klaus Mann mühsam in den Armen der Mutter das Schwimmen, während seine Geschwister in der Sonne lagen. Und wenn es dann im Winter kalt wurde, konnte man dort hervorragend Schlittschuhlaufen oder vom Abhang am Haus bis zur Isar hinunterrodeln. Da die Ferien dazu oft nicht ausreichten, kam während der Schulzeit der Privatlehrer Herr Burkhardt und lehrte die Kinder das, was sie in der Schule versäumten. Ein paar Gehminuten weiter hinter dem Wald, begann der mystische Waldfriedhof, zu dem das Kindermädchen Affa die Kinder manchmal mitnahm.
In dessen Friedhofskapelle wurde einmal ein Bäckergeselle aufgebahrt, der zuvor im Klammerweiher betrunken ertrunken war. Der Anblick faszinierte Klaus Mann so sehr, dass er dieses Erlebnis in seiner 1926 erschienenen Kindernovelle festhielt.

Er fing schon früh an, Geschichten zu erzählen, etwa auf Spaziergängen zum Blomberg oder zum Oberhof. Aufgrund eines Buches von Georg Engel, „Kapitän Spieker und sein Schiffsjunge“, erfanden die vier Geschwister das sogenannte „Gro-Schi-Spiel“, das das Haus in ein Schiff und den Garten in einen Ozean verwandelte. Dabei waren die Kinder reiche Passagiere mit dem Vater als Kapitän und gingen im, zu Honolulu oder Bombay umfunktionierten Tölz, vor Anker. Dies war auch die Vorlage für Erikas Kinderbuch „Stoffel fliegt übers Meer“ von 1932. Dieses und viele andere Spielchen verwandelten das abseits vom Tumult der Stadt München liegende Tölz in einen Kindertraum, der nicht besser hätte sein können.
Die ersten Schatten darauf warf der erste Weltkrieg 1914. Golo Mann erzählt in seinem Werk „Erinnerungen und Gedanken“: „Es war schlimme Hungerszeit nun; die Bittgänge, welche meine Mutter zu den umliegenden Bauernhöfen machte und bei denen sie uns alle vier mitnahm aus Gründen, die man errät, blieben meist völlig vergeblich.“ Auch Kleidung war Mangelware. Die Kinder mussten abgetragene Leinenkittel oder Matrosenanzüge tragen und jegliche Gänge mussten zu Fuß bestritten werden. Noch im selben Jahr bezogen sie nach einem mühsamen Verkauf des Landsitzes ihr Haus in München.


Nach der Zeit in Bad Tölz, war Thomas Mann trotz Wohnsitz in München bis 1933 lange Zeit unterwegs: Holland, Schweiz und zwei Reisen in die USA, bis die Familie nach Aufenthalten in Südfrankreich und der Schweiz 1936 endgültig nach Amerika emigrierte, wo er nach acht Jahren die Staatsbürgerschaft annahm. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs zog es ihn wieder nach Europa, weswegen sich die Familie in Kilchberg am Zürichsee niederließ. Dort starb Thomas Mann am 12. August 1955.